Sternchen Der Schatz im Silbersee Sternchen
Karl Mays Jugenderzählung »Der Schatz im Silbersee«, erschienen in Buchform erstmals 1894, diente nicht nur als Vorlage des ersten und wohl erfolgreichsten der sogenannten Karl-May-Filme, die Anfang der 1960'er Jahre in die deutschen Kinos kamen; er bildete wohl aus diesem Grund auch den Auftakt der Hörspielreihe, die bei EUROPA nach den Romanen Karl Mays umgesetzt werden sollten.

Eine Hörspielbesprechung von Dr. Karsten Hein

»Eins aber war und blieb sein Geheimnis - das Geheimnis vom Schatz im Silbersee.«
   [Erzähler]


LP 115 502
Diese zweite Folge setzt von den 15 Kapiteln des Romans unter Auslassung des achten und neunten Kapitels sowie kurzer Nacherzählung des zehnten bis zwölften Kapitels die Kapitel 13 bis 15 um. Lediglich kurz nacherzählt wird damit fast vollständig der Handlungsstrang, in dem der Cornel die Eisenbahnstation Sheridan aufsucht, um dort über den zuvor eingeschleusten falschen Schreiber mit den Tramps einen Geldtransport zu überfallen. Bereits hier treten im Roman Winnetou und Old Shatterhand gemeinsam auf und vereiteln mit Old Firehand den Überfall. Sie halten den Zug in einem Tunnel, dem Eagle Tail, an, und räuchern die darin befindlichen Tramps aus. Die beschriebenen Ereignisse sind jedoch nicht handlungstragend, sondern stellen lediglich eine weitere Teufelei Brinkleys dar. Der Cornel, der abermals fliehen kann, wird von den Utahs getötet. Die Gefangennahme Old Shatterhands und seiner Gefährten durch die Utahs wird ebenfalls stark verkürzt dargestellt. Sie fliehen und stoßen auf Old Firehand und dessen Begleiter. Vor Erreichen des Silbersees müssen noch mehrere Kämpfe mit den mehrfach wortbrüchigen Utahs bestanden werden, wobei die Unterstützung der Timbabatschen und Navajos hilft. Die Utahs, angeführt von 'Großer Wolf', versuchen, über einen alten, unterirdischen Gang vom Ufer zur einzigen Insel im See zu gelangen, um den Schatz zu heben, der sich am Grund des Sees befinden soll. 'Großer Bär', Hüter des Sees und des Schatzes, setzt über einen Mechanismus den Gang unter Wasser, so dass die feindlichen Utahs ertrinken. Old Firehand erhält von 'Großer Bär' und vom Timbabatschenhäuptling 'Langes Ohr' die Erlaubnis, die Silberader zu erschließen. Der Schatz selbst bleibt ungehoben.
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Aufgrund der Kürzung der Romanvorlage tritt der Cornel, und damit Peter Folken, in der zweiten Folge nicht mehr auf. Stattdessen glänzt hier Josef Dahmen als 'Großer Wolf', Häuptling der Utahs, als fieser Bösewicht. In diesem Hörspiel treten erstmals Konrad Halver als Winnetou und Michael Poelchau als Old Shatterhand auf. Wie in der ersten Folge werden dem Hörer die Grausamkeiten des Wilden Westens und seiner Bewohner nicht erspart. Hans Paetsch berichtet von Marterpfählen, »an denen 20 leblose, grässlich zugerichtete Körper hingen. Es waren die Leichen der Tramps. Am Entsetzlichsten war der Anblick des Cornels. Nackt und verkehrt herum aufgehängt war der Bandit von den Rothäuten so verstümmelt worden, dass man ihn kaum wiedererkannte.« Diese Darstellung findet sich auf zwei Stellen verteilt ebenso bei Karl May. Winnetou tritt einen alten Utah-Häuptling derartig, dass seine Hirnschale zerschmettert wird. 'Langes Ohr' gibt 'Großer Wolf' einen Fußtritt ins Gesicht und rammt ihm anschließend die Fackel in beide Augen. Ein Stolperstein ist Winnetous Wendung, man müsse die Feinde »in die Zange nehmen«. Eine Zange wird dem Indianer kaum geläufig gewesen sein, und so hätte er sie nicht sinnbildlich anwenden können.
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Die auf der LP-Hülle angegebene Verwendung von "Original-Indianermusik und Kriegstänzen" findet hier - im Gegensatz zur ersten Folge - tatsächlich statt. Die Aufnahmen stammen von Dokumentar-LPs, die Konrad Halver nach eigener Aussage seinerzeit im Amerika-Haus in Hamburg ausgeliehen hat.
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Grandios ist die Idee, das Eintreffen am Silbersee musikalisch mit Passagen aus Dvořáks Symphonie Nr. 9 »Aus der Neuen Welt« zu unterlegen. Die Szene, in der 'Großer Bär' den unterirdischen Gang flutet und die Utahs in Panik die Insel und damit die Treppe im Turm zu erreichen versuchen, Wassergegurgel und unterirdisch einstürzende Bauten zu hören sind, führt auf ein spannungsgeladenes Ende zu. Die Passage, in der Paetsch seinen beeindruckenden Schlusssatz spricht, Jarres Filmmusik zu »Dr. Schiwago« ausklingt und dazu noch das Plätschern des Wassers des Silbersees zu hören ist, erzeugt auch nach über 40 Jahren immer noch Gänsehaut.
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Kuriosa: Josef Dahmen "besuchte" den Silbersee hier bereits zum zweiten Mal. In der WDR-Produktion »Der Schatz im Silbersee« von 1955 sprach er die Rolle des Schichtmeister Watson aus Sheridan, der sich den Westleuten auf dem Weg zu See anschließt. Auch für Benno Gellenbeck war »Der Schatz im Silbersee« kein Neuland. Er hatte in der Philips/FASS-Version des Hörspiels 1962 den Häuptling 'Großer Wolf' gesprochen und war im selben Jahr auch als Synchronsprecher des Woodward in der Verfilmung von »Der Schatz im Silbersee« zu hören.